Angst und Welt

„Ich war nie ein ängstlicher Typ, im Gegenteil. Ich fühlte mich bislang körperlich leistungsfähig, bin gejoggt und habe Tennis gespielt. Ich war viel mit meinen Freunden unterwegs und dachte, daß ich mit meiner Freundin eine gute Zukunft vor mir habe. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen, habe meine Ideen umgesetzt, meine berufliche Selbständigkeit aufgebaut. In den letzten Monaten hatte ich ein paar Mal ein Gefühl von Druck auf der Brust, Beklemmungsgefühle, auch Angst.
Vorgestern dachte ich: „Jetzt geht es zu Ende mit Dir“. Aus heiterem Himmel habe ich angefangen zu schwitzen, hatte Panikgefühle, sah mich schon auf der Intensivstation. Ich bin sofort in die Rettungsstelle, aber das Labor und das EKG waren angeblich in Ordnung, woran ich meine Zweifel habe. Seither bin ich nicht gut drauf. Ich schlafe schlecht, bin nicht mehr so leistungsfähig und habe Angst vor dem nächsten Anfall. Meine Freundin ist auch schon ganz mitgenommen wegen meiner Situation. Ich weiß nicht, was mit mir los ist und mache mir Sorgen, daß ich die Kontrolle verliere und mir die Felle wegschwimmen in den nächsten Wochen.“

So oder ähnlich klingen die Schilderungen von erstmalig aufgetretenen Angstzuständen und Panikattacken, die ich sehr häufig in meiner täglichen Praxis höre. Vielfach melden sich beruflich erfolgreiche Männer bei mir, oft nach vorheriger Kontaktaufnahme via Email. Ihnen fällt der Gang zum Psychiater üblicherweise nicht leicht. Meist sind die Betroffenen zwischen Mitte 20 und Mitte 40, manchmal Studenten, meist aber mit längerer beruflicher Vita. Gelegentlich werden zusätzliche Probleme berichtet, anhaltende Schlafstörungen, andere körperliche Beschwerden, eine vorlaufende gedrückte Stimmung, vermehrter Alkoholkonsum.

Die Scheu, sich im ärztlichen Gespräch zu offenbaren, speist sich aus verschiedenen Quellen. Es gibt die Sorge, zu einer schnellen medikamentösen Behandlung mit unklaren Risiken überrumpelt oder einer unmäßig langen Psychotherapie überredet zu werden. Es sind, besonders zu Anfang einer Behandlung Sorgen vorhanden, daß eine körperliche Erkrankungsursache übersehen wird, trotz unauffälliger Diagnostik beim Hausarzt oder bei verschiedenen Fachärzten. Schließlich gibt es nicht selten ein Zögern, das auf mögliche Auslöser der Krise verweist: Spannungen mit Kunden oder am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft oder der Familie, im Umgang mit sich selbst oder anderen.

Die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung von Angsterkrankungen ist bei allen Standards und wissenschaftlichen Empfehlungen so individuell wie die Lebensumstände und die Biografie jedes Einzelnen. Welcher Weg, welcher Ansatz für die eigene Situation, für das eigene Leiden am besten paßt, ist in der Regel schnell geklärt. In einem Fall wird sich die Behandlung auf Fragen des Lebensstils, einen veränderten Umgang mit Stress und das Erlernen eines Entspannungsverfahrens richten. In bestimmten Konstellationen wird durchaus eine medikamentöse Behandlung zu empfehlen sein. Wenn sich die Angsterkrankung, die Panikstörung in unabweisbarem Zusammenhang mit persönlichen oder beruflichen Unwägbarkeiten entwickelt hat, kann auch eine klärende oder die Selbstwahrnehmung und Angstkontrolle fördernde psychotherapeutische Behandlung Teil eines sinnvollen Gesamtbehandlungskonzeptes sein.

Angst und individuelle Lebenswelt stehen sehr häufig in einem engen, oft kausalen Zusammenhang. Innehalten und Nachdenken darüber, wie wir unser Leben gestalten, welche Ziele wir haben und wie wir mit uns und anderen umgehen, wird ein guter Weg aus einer Angsterkrankung sein.