Die Dichtung hingegen zwingt den Menschen nicht, sondern verwandelt ihn.

(Friedrich Sieburg, “Stefan George“ in “Zur Literatur”, Bd. 1957-63, Hrsg. Fritz J. Raddatz, Deutsche Verlagsanstalt, 1981)

Es hat Vorteile, ein lesender Arzt und kein Literaturwissenschaftler zu sein. Ich fühle mich frei, ein Zitat voranzustellen, das den etwas altmodischen, romantischen und wohl mit überhöhten Bedeutungen aufgeladenen Begriff “Dichtung” statt “Literatur” verwendet.

Mich haben Bücher immer begleitet. Nach meinem Empfinden hat Literatur meine persönliche Identität und berufliche Entwicklung entscheidend beeinflußt. Ich verbinde nicht nur die Prägung innerer Haltungen und grundlegender Überzeugungen mit meinen Leseerfahrungen. Literatur hat mich an Wendepunkten meines Lebens begleitet, mich aufgeregt, getröstet und versöhnlich gestimmt. Ein längerer Blick in mein Bücherregal wird so gelegentlich auch zu einer Selbstvergewisserung. Viele Bücher sind bestimmten Lebensphasen und persönlichen Entwicklungsstufen zuzuordnen. Selbstverständlich gibt es Themenkreise, die mich von vornherein interessieren: Freiheit und Unfreiheit des Individuums auch jenseits des Politischen, den Gesellschafts- und Familienroman unterschiedlicher Prägung, Geschichte der Neueren und Neuesten Zeit, Gegenwartsliteratur und Biographien.

Mich ergreift ein Werk vor allem dann, wenn ich mich auf eine sinnliche und emotionale Weise angesprochen erlebe. Zudem ist Lesen für mich häufig schon an sich eine wohltuende Erfahrung. Ein persönliches Ritual, das mich bereichert und mir jenseits von Erkenntnisgewinn und einfacher Entspannung gut tut. Und schließlich: haben Sie schon einmal versucht, gemeinsam mit anderen zu lesen oder sich vorlesen zu lassen? Das empfehle ich Ihnen aus eigener Erfahrung sehr.

Ich wünsche mir, daß Sie nicht enttäuscht sind, wenn ich an dieser Stelle nicht konkret Auskunft über meine Lieblingsautoren und die mir wichtigsten Bücher gebe. Machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen! Und erwarten Sie viel: “Die Dichtung hingegen zwingt den Menschen nicht, sondern verwandelt ihn.”