“Sind Psychiater eigentlich Ärzte oder Psychologen?” wurde ich kürzlich wieder gefragt. Psychiater sind Ärzte und durchlaufen nach dem Medizinstudium analog zu allen anderen Fachärzten eine mehrjährige Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie (und Psychotherapie). Die Psychiatrie ist ein traditionsreiches, sich immer wieder wandelndes Gebiet der Medizin mit starken geisteswissenschaftlichen und kulturspezifischen Bezügen. In den letzten Jahrzehnten sind die neurobiologischen Grundlagen wieder mehr in den Blick unseres Faches geraten, auch ist die klinische Psychiatrie stärker in die allgemeine Medizin zurückgekehrt. Die großen Nervenkliniken am Rande der Städte sind vielerorts geschrumpft oder ganz verschwunden, viele Psychiatrische Abteilungen sind an allgemeinen Krankenhäusern neu gegründet worden.

Selbst ärztlichen Kollegen fällt es gelegentlich schwer, bei den verschiedenen Facharztbezeichnungen den Überblick zu behalten. Die Domäne der Fachärzte für Psychiatrie (und Psychotherapie) und der Nervenärzte (mit zusätzlicher Expertise auf dem neurologischen Fachgebiet) ist die Diagnose und Therapie krankheitswertiger psychischer Störungen.

Die Diagnose einer psychischen Erkrankung beruht auf der Erhebung der Krankengeschichte und des psychopathologischen Befundes im Gespräch. Angehörige und Freunde unterstützen Diagnostik und Behandlung oft ganz entscheidend durch eigene Eindrücke und Erfahrungen. Hinzu kommen Befunde von gezielt ausgewählten Laboruntersuchungen, bildgebenden Methoden (CT, MRT) und auch einer körperlichen Untersuchung. Den komplexen Ursachen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen entsprechen moderne, multimodale psychiatrische Behandlungskonzepte. Dazu gehören beispielsweise psychotherapeutische, psychopharmakologische und soziotherapeutische Therapieansätze, die häufig miteinander kombiniert werden, um eine optimale Effektivität der psychiatrischen Behandlung zu erreichen.

Wenn für die Krise, die Erkrankung eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Verständnis entwickelt werden kann, wird die Konsultation eines Psychiaters in ein individualisiertes, aber an den wissenschaftlichen Standards unseres Faches orientiertes Behandlungskonzept münden. Das Spektrum psychiatrischer Therapie reicht dabei von einem Interventionsgespräch bei akuten Lebenskrisen bis zu langfristig geführten supportiven psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsansätzen bei persönlichkeitsstrukturellen Störungen und Psychosen. Die Abwägung medikamentöser (psychopharmakologischer) Optionen und die entsprechende Aufklärung und Motivation des Patienten sind eine weitere zentrale ärztliche Aufgabe des Psychiaters. Als Steuermann durch die Vielzahl psychoedukativer und Beratungsangebote und die Vermittlung der Möglichkeiten komplementärer Leistungsanbieter (ambulante Krankenpflege, ambulante Suchthilfe) ist der Psychiater in der Regel gut vernetzt.

Psychiatrie ist Beziehungsmedizin. Dem Verlauf psychischer Erkrankungen entsprechen oft längerfristig beständige therapeutische Beziehungen zwischen Patienten und ihren behandelnden Ärzten. Im glücklichen Fall entwickelt sich so bei gegenseitigem Respekt und Vertrauen eine belastbare Behandlungssituation, die bei schweren und langdauernden Erkrankungen trägt und die unterschiedliche Auffassungen und Krankheitsvorstellungen integriert.

Und schließlich: Fast alle Psychiater haben als Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie auch eine ausgeprägte psychotherapeutische Identität und praktizieren Psychotherapie nicht nur in der offeneren und flexibleren psychiatrischen Behandlungssituation, sondern auch als (Antrags-) Psychotherapie im engeren Sinne. Mir sind zudem die autosuggestiven und suggestiv-imaginativen Verfahren ein besonderes Anliegen.