Es mag unterschiedliche Gründe geben, sich als naturwissenschaftlich ausgebildeter Arzt mit alternativ- (auch: komplementär-) medizinischen Schulen zu beschäftigen. Auf Anhieb nachvollziehbar oder gar zwangsläufig und folgerichtig ist dieses Interesse nicht. Neurologie und Psychiatrie haben durch die neurobiologische Forschung der letzten Jahrzehnte erheblich an Dynamik gewonnen. Die Fortschritte in der Behandlung gerade schwerer psychischer Erkrankungen durch neuere Psychopharmaka sind, trotz gelegentlich anders lautender Behauptungen, in der klinischen Praxis täglich spürbar. Psychotherapeutische Behandlungskonzepte haben sich stärker differenziert, Psychotherapie ist zudem in der Breite der Versorgung angekommen.

In den Kursen einschlägiger Fachgesellschaften, z. B. der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DAEGFA e. V.), fällt auf, dass sich neben wenigen Medizinstudenten vor allem Fachärzte oder jedenfalls erfahrene Kollegen tummeln. Wahrscheinlich geht es mancher Kollegin, manchem Kollegen meines Fachgebietes Psychiatrie und Psychotherapie ähnlich: Über die Jahre wächst mit zunehmender klinischer Erfahrung nicht nur das Bedürfnis nach Vertiefung und Erweiterung des fachspezifischen diagnostischen und therapeutischen Repertoires. Besonders für den Bereich der psychosomatischen Beschwerden, der Schmerzsyndrome, der Erschöpfungszustände und akuten oder anhaltenden Befindlichkeitsstörungen eröffnen Akupunktur und die durchaus komplexen Theoreme der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) neue diagnostische und therapeutische Horizonte. Ich gebe es offen zu: die Beschäftigung mit Akupunktur und TCM hat mich im Hinblick auf einige klinische Probleme wieder ins Nachdenken gebracht und meine Aufmerksamkeit geschärft. Wen angesichts freudloser Standardisierungen und Formalismen in der Medizin im Allgemeinen und einer oft unzureichend tiefenscharfen diagnostischen Praxis in meinem Fach im Speziellen ab und an eine gewisse Ermattung befällt, wird sich zumindest angeregt fühlen durch die von den fünf Wandlungsphasen und den ihnen zugeordneten Funktionskreisen abgeleitete Persönlichkeitstypologie oder die ungewohnt differenzierte Beschreibung von Kopfschmerzsyndromen in der TCM. Das Erfassen einer “chinesischen Diagnose”, eines individuellen Disharmoniemusters, wird zu einem ähnlich anregenden Unterfangen wie das Stellen einer komplexen psychiatrischen Diagnose auf der Grundlage guter Kenntnis von Psychopathologie, Persönlichkeit, Herkommen und Lebenswirklichkeit eines Menschen. Meine ersten eigenen klinischen Erfahrungen nach Erwerb des A-Diploms (DAEGFA) auf dem Weg zum Erwerb der Zusatzbezeichnung “Akupunktur” der Bundesärztekammer sind jedenfalls für Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Spannungszustände ermutigend. Im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungsplans kann Akupunktur/TCM auch bei seelischen und psychovegetativen Erkrankungen eine Rolle spielen.

Viele Jahre psychiatrisch-psychotherapeutischer Praxis prägen therapeutische Haltung und Beziehungsgestaltung. Der Psychiater und Psychotherapeut kennt kein unbefangenes “hands on” eines Orthopäden oder Allgemeinarztes. Die Anwendung der Akupunktur bringt für einen Psychiater und Psychotherapeuten eine veränderte Einstellung zu Körperlichkeit und persönlichem Raum mit sich, die einer kritischen Reflexion bedarf. Distanz wird überbrückt, Nähe entsteht. Das mag in vielen Situationen befreiend, entängstigend, beruhigend wirken, wird aber der Akupunktur in meinem Fach sicher einige Grenzen setzen.

In dieser veränderten therapeutischen Haltung, dem anderen Umgang mit Zeit und einer differenzierten Erfassung eines individuellen Beschwerdebildes liegt aber auch eine Chance zu Heilung und Veränderung.